Alles Messi oder was?

Alles Messi oder was?Foto: © Michael Barth

Am späten Montagnachmittag, das Spiel der Gastgeber gegen Uruguay lag gerade in den letzten zehn Minuten, fielen sie plötzlich in St. Petersburg ein. Tausende von Argentiniern zogen in geschlossener Formation durch die Straßen der Stadt, um sich mit Schlachtgesängen lautstark zur Mission „Letzte Hoffnung“ zu rüsten.

Diese letzte Hoffnung konnte nur Trotz bedeuten. Zu schwach schon die Qualifikation zu dieser WM, zu desolat die Performance in den ersten beiden Spielen. Argentiniens Fußball erlebt derzeit eine der bittersten Phasen in seiner jüngeren Geschichte. Superstar Messi als Hoffnungsträger? Schon vor der Endrunde des Turniers konnte er nur noch als Strohhalm dienen, an den sich der Ertrinkende klammert. Ein verschossener Elfmeter beim mehr als mageren 1:1 gegen Island, glanzlos bei der beschämenden 0:3 Niederlage gegen die Kroaten. Und nun Nigeria.

Bisheriger Höhepunkt der Querelen war die geforderte Entlassung des Trainers Jorge Sampaoli während der laufenden Gruppenphase. Der Präsident des argentinischen Fußballverbandes sprach das Machtwort, das den ausgemachten Sündenbock, vorerst zumindest, im Amt hielt. Ein Amtskollege von ihm, der in Argentinien wohlbekannte Ricardo Caruso Lombardi, hat hingegen einen ganz anderen im Visier – den ikonengleichen Lionel Messi. „Er verschliss sieben Trainer… Es ist Zeit Messi aus dem Team zu nehmen“, zitierte ihn die Zeitung Sovsport.

Lombardis Meinung nach „möchte der Stürmer immer diejenigen Spieler um sich scharen, die er mag. Unabhängig von deren Leistung“. Das erklärt auch, so zumindest die letzte irritierende Meldung aus dem Hause der „Albiceleste“, dass sich die Mannschaft für ihr letztes Spiel gegen Nigeria selbst aufstellen wollte.

Argentinien kurz vor erneuter Blamage

Beim Gegner hingegen ging es ruhig zu. Die aufsehenerregendste Meldung über Nigeria war, dass deren Fans lebenden Hühner im Spiel gegen Kroatien mit ins Stadion nehmen wollten. Da machte ihnen allerdings die Kaliningrader Obrigkeit einen Strich durch die Rechnung, die sich zwar so etwas wie Verständnis für den seltsamen Wunsch der Gäste abringen konnte, jedoch auf die Stadionordnung verwies. Ansonsten blieb es ruhig um die Afrikaner, die sich am Ende gar klammheimlich auf einen Playoff-Platz in der Gruppe spielte.

„Im Fußball gibt es keine Nachsicht und Selbstmitleid. Auch wenn Sie einen Spieler lieben, sollte es keine Geschenke geben, wir werden versuchen, uns gut gegen ihn zu verteidigen“, Gernot Rohrs Ansage gegen Publikumsliebling Messi war klar und deutlich. „Es war ein schwieriges Spiel“, wird der argentinische Stürmer später zu den Journalisten sagen. Auch wenn die Nigerianer die Forderung ihres deutschen Trainers beherzigten, konnten sie nicht verhindern, dass Messi mit seinem ersten Tor in dem Turnier das hundertste Tor der WM 2018 erzielte.

Das 2:1 Endergebnis, dass Argentinien im letzten Moment doch noch ins Achtelfinale brachte, werde dazu beitragen, dass sich das Team psychologisch vor dem ersten Ko-Spiel erholen könne, glaubt man. Die Ruhe werden sie auch brauchen, denn als Gegner winkt Frankreich, das schon vor der WM als Mitfavorit für den Titel gehandelt wurde. Die Argentinier brauchten gegen Nigeria rund 80 Minuten, um sich von dem Druck, der auf ihnen lastete, zu befreien. Das 1:1 bis dahin entsprach zwei ebenbürtigen Mannschaften auf dem Feld.

„Es war wunderbar. Wir haben für ganz Argentinien gewonnen“, teilte ein überglücklicher Rojo nach seinem Lastminute-Siegtreffer der ganzen Welt mit. Eben jener Rojo, der sich kurz zuvor den Ball im Strafraum an den Arm köpfte. Die Nigerianer haderten zu recht mit dem türkischen Unparteiischen, der ihnen den klaren Elfmeter trotz Videobeweis nicht zusprach. Der hätte das Spiel mit Sicherheit auf den Kopf gestellt und Argentinien sein erneutes Waterloo gestürzt. Maradonna, die ehemalige Hand Gottes, kippte derweil vom Schemel.

[mb/russland.ru]

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