Befreiungsschläge: Von hohen Erwartungen und höflichen Gästen

Befreiungsschläge: Von hohen Erwartungen und höflichen Gästen

Mit Befreiungsschlägen fängst du am Besten frühzeitig an, denn so manchem ist am Ende schon die Zeit davongelaufen und er stand zu guter Letzt genau so unfrei da wie zuvor. Die russische Sbornaja und insbesondere deren Hauptverantwortlicher, Stanislaw Tschertschessow, kann ein Lied davon singen. Der Druck einer ganzen Nation, ach was, der halben Welt lastete auf einem Team, das eigentlich schon abgeschrieben war, bevor es überhaupt angefangen hatte.

Als Gastgeber mit der schlechtesten Mannschaft in das Abenteuer gestartet, die besten Voraussetzungen sehen anders aus, das muss man so deutlich sagen. Und dann war da ja noch der Putin. So stolz war er auf „sein Turnier“, wie man es ihm im Westen so gerne unterjubelte. Auf ihn war bisher Verlass, die Organisation klappt soweit hervorragend. Nur seine Fußballjungs, die hinken da noch hinterher. Die Zeichen standen also nicht ganz so günstig für die hohen Erwartungen an eine Mannschaft, die sich eigentlich nur blamieren kann.

Da saßen sie nun auf ihrer Tribüne im Moskauer Luschniki-Stadion, der Putin, der Infantino und der Scheich. Was haben die für Augen gemacht, als es nach zehn Minuten schon danach aussah, als könne Russland nach einer ganzen Reihe von erfolglosen Spielen endlich den Spieß umdrehen. Das bedeutete zwar noch keine Befreiung, aber wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hatte… Jedoch, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Traditionsgemäß gilt für Russen schon seit jeher, alles oder nichts. Das gilt auch für diverse Befreiungen.

Aufbruch zur Mission Schadensbegrenzung

Das hat sich bei dem Tartarenjoch damals schon bewahrheitet, die polnisch-litauische Zweckallianz mit all ihren Königen kann ein Lied davon singen, und die Franzosen unter Napoleon sowie die Deutschen, ins Feld geschickt von einem Österreicher, mussten ebenfalls am eigenen Leibe erfahren, dass mit russischen Befreiungsschlägen nicht gut Kirschen essen ist. Halbe Sachen macht man in Russland nicht gerne. Entweder extra gut oder gleich so richtig lausig, das ist ehrlich, da weiß man gleich, woran man ist.

Denis Tscheryschew, der ist Russe, und der weiß das natürlich. Deshalb macht er kurz vor der Halbzeitpause sicherheitshalber das 2:0. Putin, Infantino und der Scheich fanden das  Unterhaltungsprogramm bisher recht nett. Die Saudis zeigten sich von Anfang an als höfliche Gäste dieser Party. Statt den Teppich voll zu kleckern, benahmen sie sich anständig und zurückhaltend. Auch die Iraner waren tolle Gäste, obwohl sie heute gar nicht spielen mussten. Sie feierten einfach frenetisch mit den Russen mit. Vielleicht auch nur, um damit die Saudis zu ärgern, das weiß man bei den Schlitzohren nicht so genau.

„Du, ich glaube, wir können heute gewinnen“, wollte man in das Gesicht von Dsjuba interpretieren, als er mit seinen Kollegen beim Smalltalk im Kabinengang auf die zweite Halbzeit warten musste. Wie er sich das dachte, zeigt er gleich selber mit seinem traumhaft eingenickten Kopfball zum 3:0, kaum dass er eingewechselt war. So geht Befreiung. Ein paar andere Scheichs auf der Tribüne handeln derweil aus, in wen man als nächstes investieren wird. Werden sie russische Spieler zu sich in die Wüste locken können? Das Geld hätten sie, nur mit dem Alkohol mag das eng werden.

Wenn sich Leidensfähigkeit selbst belohnt

Die Russen indes haben Spaß an der Befreiung gefunden, das 4:0 über drei Stationen in der 90. Minute gehört in die Kategorie Spielfreude. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Wer hätte das gedacht. Nach einer Vorbereitung, bei der es an allen Ecken und Enden hakte, während die Sbornaja in zig Spielen weit davon entfernt war, einen würdigen Gastgeber für die WM abzugeben. Daran sieht man, wie leidensfähig das russische Volk sein kann.

Das fünfte und auch letzte Tor, war, so schön der geschlenzte Freistoß von Alexander Golowin in der Nachspielzeit auch anzusehen war, vielleicht dann doch etwas zu dick aufgetragen. Der Infantino zuckte ungläubig mit den Schultern, dem Putin war’s irgendwie peinlich und der Scheich schaute bedröppelt aus der Wäsche. Das hätte so niemand geahnt. Seine Saudis wurden während 93 Minuten deklassiert, wie man es keinem wünschen mag. Schon gar nicht bei einem Turnier, bei dem die Welt zu Gast bei Freunden ist.

Der russischen Seele jedoch hat dieser immens wichtige Sieg mehr als gut getan. Das Selbstvertrauen ist fürs Erste wieder hergestellt. Wenn die Erwartungen nun nicht zu hoch gesetzt werden, hat Russland gute Chancen, aus dem Abenteuer Weltmeisterschaft erhobenen Hauptes herauszugehen. Man möchte es den Gastgebern von Herzen wünschen. Aber sie wissen selbst, die Gegner werden nicht leichter, ganz andere Kaliber werden folgen. Und sie wissen auch, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

[mb/russland.NEWS]

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