Die Stunde Null nach dem Desaster

Die Stunde Null nach dem DesasterFoto: pxhere CC0 Öffentliche Domäne

Immerhin, es passierte nicht das erste Mal, dass der amtierende Weltmeister schon nach den Gruppenspielen aus einer WM-Endrunde flog. Die Franzosen haben es 2002 vorgemacht, die Italiener bei der WM 2010 und Spanien musste 2014 die bittere Pille schlucken. Das letzte Mal, dass eine deutsche Auswahl überhaupt während der Vorrunde einer Fußball-WM ausgeschieden ist, geschah 1938. Beim DFB hat man jetzt nach dem Südkorea-Desaster einen historischen Erklärungsnotstand.

Die deutsche Nationalmannschaft galt bislang als eine Maschine bei internationalen Turnieren. Nach dem Anlassen stotterte sie immer ein bisschen und kaum dass sie sich warmgelaufen hatte, arbeitete sie so präzise, wie deutsche Wertarbeit eben arbeiten kann. Diesmal allerdings hat der Motor von Anfang an gestottert und ist letztendlich komplett abgesoffen. Nun stehen alle um ein kaputtes Vehikel herum und sind ratlos.

„Ich benutzte eine Waschmaschine der Marke Bosch, jetzt hole ich mir eine Samsung. Da passiert wenigstens nichts Unerwartetes“, die Häme im sozialen Netzwerk ließ nicht lange auf sich warten. Die deutsche Nationalmannschaft hat vor einem Jahr hier in Russland den Konföderationen-Pokal gewonnen. Bundestrainer Löw ließ bei dem Pokal, den sowieso niemand je für voll nahm, Spieler aus der nächsten Generation spielten. Um ihnen eine Chance zu geben, behauptete man damals.

Eine überalterte deutsche Mannschaft statt junger Wilder

Vermutlich sollten die alten Hasen von der Zusatzbelastung verschont bleiben, denn bei der WM tauchten sie plötzlich alle wieder auf. Das macht man Jogi Löw nun zum Vorwurf. Er darf sich jetzt anhören, warum er auf einen quirligen torhungrigen Sane verzichtet hat oder einen maladen Neuer ins Tor stellte, der nach seiner Verletzung erst kurz vor dem Turnier wieder mit leichtem Training begonnen hat. Löw selbst scheint sich nicht zu allzu sehr in Frage zu stellen.

Der Coach, der erst vor kurzem um vier weitere Jahre auf dem Posten verlängert hat und dafür vier Millionen Euro per anno kassiert, denke nicht an Rücktritt, sagt er. Es sei ohnehin zu früh, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen, wiegelt er ab. Sein Stürmer Thomas Müller versucht sich dagegen in der Diplomatie des Ausweichens: „Wenn du Weltmeister bist, dann stehst du unter besonderer Beobachtung und musst dich mit vielen Dingen auseinandersetzen, die gar nichts mit dem Fußball zu tun haben“. Einsicht, einfach eine schlechte Arbeit abgeliefert zu haben, hört sich anders an.

Das Donnerwetter vom Chef wird bald folgen

Genervt, überheblich, begeisterungslos – Kritiker bringen es stattdessen auf den Punkt. Zu selbstherrlich sei man in diese Weltmeisterschaft hineingegangen, bescheinigen sie dem Team des DFB arrogante Überheblichkeit. Der ehemalige Bundesligaprofi Bum Kun Cha sagte schon vor der WM: „Wir sind das mieseste Team.“ Doch ausgerechnet dieses ließ die Deutschen alt aussehen. Spätestens nach dem Lastminute-Dusel gegen Schweden hätten die Alarmglocken schrillen müssen, hätten die Spieler als Mannschaft reagieren müssen. Stattdessen erfüllten Einzelkämpfer ihre Werbeverträge.

Was für Mats Hummels, einem der Streikposten in der deutschen Verteidigung, plötzlich „ganz schwierig in Worte zu fassen“ ist und für Sami Khedira „einer der schwersten Momente für die Mannschaft“ und auch für ihn persönlich ist, sah TV-Experte Oliver Kahn von Anfang an mit Skepsis. In keinem Spiel habe er das Gefühl gehabt, „dass in der Mannschaft eine Achse vorhanden ist“. „Wir spüren im Präsidium eine grenzenlose Enttäuschung“, die Schlechtwetterwolken aus der DFB-Zentrale ziehen schon bedrohlich herauf.

„Jetzt wird es natürlich kritischer“, sagt Team-Manager Oliver Bierhoff, was sich im Hinblick auf das bevorstehende Donnerwetter etwas naiv anhört. DFB-Präsident Grindel sagt es unmissverständlich. „Ich erwarte, dass wir im Präsidium eine saubere Analyse bekommen. Dann werden wir das besprechen und Konsequenzen ziehen!“ Es schaut irgendwie nach Großputz aus.

[mb/russland.NEWS]

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