Tag 111 – Drohender Gulag-Aufenthalt wegen Merkel-Foto

Tag 111 – Drohender Gulag-Aufenthalt wegen Merkel-Foto

So langsam muss ich anfangen, mich konkreter vorzubereiten. Wie schreibe ich den Blog in Russland weiter und stelle ihn täglich online? Die Versorgung mit öffentlichen WLAN-Netzen scheint gut zu sein, glaubt man den bisherigen Auskünften. Zumindest, solange man nicht in Sibirien strandet. Immerhin habe ich schon einmal bis unmittelbar vorm Abflug in einem falschen Flugzeug drin gesessen. Wie ich das „geschafft“ hatte? Pffft. Eine längere Geschichte … Vielleicht später mal.

Den Blog tippe ich zu Hause immer am Computer. Aber wenn ich den mitnehme nach Russland, passt höchstens noch das Deutschland-Trikot in den Koffer dazu. Müsste mir dann auch extra einen stoßfesten hartschalen-Koffer zulegen. Nee, nee. Muss mir was anderes überlegen. Hab‘ ja noch ein kleines WiFi-Tablet. Das Problem: Anständiges Tippen ist mangels Tastatur nicht möglich. Also hab‘ ich mir ein Keyboard bestellt (klingt musikalisch, ist aber im Endeffekt nur eine kleine Tastatur, die über Bluetooth mit dem Tablet verbunden werden kann). Hoffe, das klappt.

In Brasilien während der WM 2014 war das oft unglaublich umständlich. War dort drauf angewiesen, WLAN zu haben und hab‘ dann versucht, in mein Smartphone rein zu diktieren. Einzelne Buchstaben tippen wäre die Hölle gewesen. Weiß noch, wie ich mich geärgert habe, wenn dann die Verbindung weg war und ich wieder von vorne anfangen musste. War dann so sauer, dass ich direkt ein Bier weggeölt habe.

Da so ein Verbindungsabbruch leider mehr als einmal vorkam, eigentlich sogar ziemlich oft, genau genommen mehrfach täglich,  verschlumpste ich manchmal so viel Bier, dass an ein vernünftiges Blogschreiben nicht mehr zu denken war. Meistens schrieb ich, wenn die Kumpels schon schliefen. Und die fragten am nächsten Tag, warum um Himmels Willen ich denn so zerzaust ausschaue. Ich ersparte mir dann jeden Kommentar. Sonst hätte ich gleich in der Morgenstund‘ nochmal zu einem Rundumbier ansetzen müssen.

Was meine Frau durchmacht, mit mir, meine ich, das konnte kürzlich mein russischer Freund Guntar am eigenen Leib erfahren. Nein, … stopp. Nicht am eigenen Leib, das wäre unzutreffend. Das hab‘ ich sprachlich unglücklich formuliert. Meine Frau würde auf die Barrikaden gehen, wenn es tatsächlich so wäre! Warum, weiß ich zwar nicht – aber sie würde es tun, da bin ich mir sicher.

Egal. Der arme Guntar. Er veröffentlicht ja meinen Blog auf seinen Internetseiten www.russland.news bzw. www.wm-2018.ru. Und ab und zu schicke ich ihm auch ein Foto mit. Zur Veröffentlichung. Vor ein paar Tagen hatte ich ihm ein richtig gutes geliefert. Passt Guntar bei meinen Blog-Lieferungen aber mal nicht gut genug auf, ist er glatt selbst geliefert. Hätte nicht gedacht, dass so ein Chefredakteur täglich zwischen himmelhochjauchzend und Gulag-Aufenthalt in Sibirien schwebt. Schwieriger Job. Gut, dass ich den nicht machen muss. Wäre vermutlich im Knast Dauergast.

Ach so, um was es ging? Nun, bei meinen Recherchen bin ich auf ein Foto gestoßen, das Bundeskanzlerin Merkel mit dem russischen Präsidenten Putin zeigt. Ein bislang ziemlich gut gehütetes Geheimnis – ein unter Verschluss gehaltenes Hochzeitsfoto (siehe Tag 106). Das sollte Teil meines Blogs werden, um die Hintergründe zur WM besser erläutern zu können. Wie genau es zur WM-Vergabe an Russland kam und so weiter.

War ziemlich stolz, dass ich das aufgedeckt habe. Investigativer Journalismus nennt man sowas. Hätte nicht gedacht, dass ich zu sowas in der Lage bin. Tja. Da sieht man mal, was sich meine Frau für jemanden geangelt hat. Für mich bis heute unverständlich, dass sie die einzige Interessentin war, als es damals um meine Hochzeit ging. Manche behaupten, sie hätte schon immer ein gutes Herz gehabt. Was sie damit meinen? Keine Ahnung. Ist eben auch ein Geheimnis. So wie das Hochzeitsfoto von Putin und Merkel.

Was machte Guntar? Er freute sich nicht etwa, nein. Vielmehr … war es so, dass … Na ja, er schlug die Hände überm Kopf zusammen. Nicht, dass er das Foto nicht für echt hielt. Nein. Aber er hatte Bedenken wegen den Rechten an den Fotos. Hab‘ ich ja nicht selbst geknipst, das hat er sofort gemerkt. Trotzdem sollte jeder wissen, dass Merkel und Putin mal was miteinander hatten. Und das nicht zu wenig. Was tatsächlich lief zwischen den beiden, körperlich meine ich, das spreche ich besser nicht an. Kopfkino reicht.

Na ja. Jedenfalls meinte Guntar, dass, wenn er das Foto ungeprüft veröffentlicht hätte, hätte das Schadensersatzforderungen in einem 7-stelligen Rubelbereich und sonstige Strafmaßnahmen nach sich gezogen. Seine liebevoll aufgebaute und seit Jahren erfolgreich laufende Internetpräsenz hätte er direkt zumachen können. Das wollte ich natürlich nicht. Mit dem Herausnehmen des Fotos war ich also einverstanden.

Hatte aber auch was Gutes: Guntar kann jetzt wenigstens nachvollziehen, eine Prise Winzigkeit zumindest, was meine Frau mit mir durchmacht. Täglich versteht sich. Wenn die nicht minütlich auf mein Wirken aufpasst, hängen wir am Fliegenfänger.

Trotzdem: Was tatsächlich läuft – zwischen mir und meiner Frau – also im echten, das lässt sich für Guntar nur im total Ungefähren erahnen. Aber einen Vorgeschmack hätte er schon mal.

Und dass er mal wegen eines Merkel-Fotos im Gulag landen könnte, das hätte er sich vor unserem Kontakt auch nicht träumen lassen.

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