Tag 114 – Fräulein Luda

Tag 114 – Fräulein Luda

Was macht die Russen sonst noch aus? Glaubt man dem, was man so liest, dann sind sie sehr gastfreundlich. Um als Gast einen guten Eindruck zu machen, wird empfohlen, viel und gerne zu essen.

„Läuft gut für uns“, denke ich, „Norberto wird voll in seinem Element sein. Und braucht sich nicht einmal zu verstellen.“

Überlege mir, dass es gut wäre, Norberto immer vorzuschicken. So als Späher und Abräumer in einem. Wenn einer das kann, dann er. Ohne vorher zu üben sogar. Fehlende Sprachkenntnisse wird er mit durchdeklinierten Essritualen locker ausgleichen. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Und die Russen lieben wohl Kosenamen. Aber nicht sowas Eingemachtes wie Oma oder so, nein. Etwas noch Liebevolleres, wie zum Beispiel:

Für Aleksandr sagen die Russen als Kurzform Sascha, der noch liebevoller klingende Kosename lautet Saschka. Oder auch Sanjek. Habe bis zu sieben Kosenamen für Aleksandr beim Googeln gefunden. Wenn man besonders gut befreundet ist, darf man ihm wohl auch Saschetschka ins Ohr flüstern. Einfach schön. Klingt so zärtlich-verführerisch. Schade eigentlich, dass ich nicht Alexander heiße.

Komplizierter wird es aber schon bei Ludmila: Hier soll als Kurzform das im Deutschen etwas problematisch klingende Luda gerufen werden können. Nun ja.

Was ist mit Michel? Ihn könnten wir zum Beispiel Mischka rufen, wenn wir es darauf anlegen, dass er die nächste Runde Bier holen geht.

Norberto? Existiert im Russischen nicht. Und Norri hört sich nicht besonders bezaubernd an. Norri ist jemand mit Schnauzer und Hinterkopfglatze. Das passt nicht zu unserem Norberto. Norbarratschenkowitsch könnte ich mir dagegen als Kosename gut vorstellen: Mit zugewuchertem Dreitagebart, Bierlaib und mitten im Leben stehend.

Lew? Ljowuschka spuckt das Internet bei ihm als Kosename aus. Wuschig ist er ja, der Lew. Von Zeit zu Zeit zumindest. Würde also passen.

Was ist mit … Osvaldo? Nee, nee, ich weiß, was ihr jetzt denkt. Nein. Kommt nicht in die Tüte. Auf keinen Fall. Unter keinen Umständen. Ich lerne zwar Russisch wie früher die Schüler in der ehemaligen DDR das lernen mussten. Aber Ossi will ich auf gar keinen Fall gerufen werden. Das wäre übelst beleidigend. Dann schon eher Ozzy (wie Ozzy Osbourne – der kennt wenigstens auch den Rockergruß). Das wäre als Kurzform in Ordnung. Und als Kosename … Waldo. Klingt gut.

So, da hätten wie sie also zusammen, unsere neuen russischen Kosenamen:

Mischka, Norbarratschenkowitsch, Ljowuschka und Waldo. Das dürfen in Russland aber nur sehr gute Freunde zu uns sagen. Und die Luda natürlich.

Ansonsten spricht man sich in Russland zu Beginn eher sehr vornehm und ziemlich förmlich an. Darf ich meinem russischen Reiseführer glauben, dann können im Dienstleistungsbereich junge Frauen mit Fräulein angesprochen werden, Männer mit ihrer Berufsbezeichnung. Oha! Mit ihrer Berufsbezeichnung. So so. Gilt Tagedieb als Beruf in Russland?

Dennoch halte ich diese Praxis für etwas fragwürdig – obwohl: Auf der anderen Seite zeigt sie, dass sie ohne Umschweife direkt auf das Wesentliche kommt, also auf das, was Menschen ausmacht: Männer werden über ihren Beruf definiert, Frauen danach, ob sie noch …

Ach, lassen wir das.

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