Tag 119 – Bauchgefühle

Tag 119 – Bauchgefühle

Ich wurde gefragt, was meine Abnehmbemühungen machen würden. Nun, ich mache es kurz: Ich habe sie eingestellt. Ersatzlos gestrichen. Aufgehört. Eigentlich war ja nach dem anfänglichen Heilfasten eine Ernährungskomplettumstellung bei gleichzeitiger Darmradikalsanierung ins Auge gefasst. War eine schmerzhafte Erfahrung. Es heißt bei solchen Sachen in zahlreichen Ratgebern ja immer überschlau „Jeder Verzicht ist ein Sieg.“

Quatsch, sage ich. Jeder Verzicht war eine gefühlte Niederlage. Schlimmer noch: Jedes Mal, wenn ich mich kasteit und eine Zwischenmahlzeit oder gar eine richtige Hauptmahlzeit ausgelassen hatte, hatte ich das undifferenzierte Gefühl, dass jeder angebliche Sieg in Wahrheit ein trotteliger Verzicht war.

Stellt euch mal vor, das deutsche Team hätte die Chance, einen Elfmeter zu schießen, und würde sich dann plötzlich völlig unverständlich dem Schiedsrichter anvertrauen: „Ach, lieber Schiedsrichter, wissen Sie was, ich verzichte heute darauf, den Elfmeter zu versenken.“ So einen Quatsch mache ich jedenfalls nie wieder!

Ja, ja, das mit der Heilfasterei, das war schon ein Drama. Wegen unentwegtem Kohldampf war ich fast durchgängig übellaunig wie Norberto, wenn er nix zu essen bekommt. Seine Unwirschheit dabei ist allerdings noch einige Stufen deftiger. Bei der anschließenden Darmsanierung nahm ich dann Flohsamenschalen ein. Keine Ahnung, was genau dahinter steckt. Wurden extra aus Indien geliefert, diese Flohsamen. Allein dieser Begriff, ha, Flohsamen! Weiß nicht mehr, wer mir diesen Bären aufgebunden hat. Aber ich nahm sie. Leider in offensichtlich überdosierter Form. Die Dinger wachsen – was ich vorher nicht wusste – auf das 10-fache ihrer Ausgangsgröße an. Aber erst, wenn sie einmal im Magen drin sind. Ich wollte eigentlich abnehmen und gesund leben und jetzt tapste ich durch die Wohnung mit einem Bauch größer als je zuvor. Platzte bald. Aber schön prall war er. „Immerhin wirft er keine Falten, bei meinem Alter“ – ich versuchte, mir selbst Mut zuzusprechen.

Das mit den Flohsamen war dann auch nur ein kurzes Intermezzo. Ich stieg dann um auf Betonit. Betonit ist – wie der Wortlaut schon vermuten lässt – mineralische Heilerde. Zwar kein Beton, aber … ich bin sicher, hätte man Zement und einen Schuss Bier beigefüllt und hätte ich mich wie eine Mischmaschine zwei- bis dreimal um die eigene Achse gedreht, ich hätte Bauklötze in meinem Wamst herstellen können. Davon abgesehen … habe mich durchaus etwas verstopft danach gefühlt. Hat sich aber glücklicherweise wieder von alleine aufgelöst. Haha!

Ich frage mich gerade … im Saarland sagen wir ja zu einem Betonmischer „Speismaschine“. Hab‘ noch nicht rausgefunden, warum das so ist.

Komisch, dass ich bei Speismaschine unweigerlich und prompt an Norberto denken muss. Ist er vielleicht der Erfinder der … ? Nein, bestimmt nicht. Obwohl es durchaus vorstellbar wäre. Aber er hätte sie dann korrekterweise Speisemaschine genannt. Eine Silbe mehr, so viel Zeit muss sein.

Ein anderer saarländischer Begriff heißt Orwesse. Norberto kennt den nicht, obwohl er im Saarland groß geworden ist. Er hat ihn vermutlich noch nie in seinem Leben gehört. Völlig fremd für ihn. Ein waschechter Saarländer, der den Begriff Orwesse nicht kennt? Gibt’s nicht, denkt ihr? Tja, um das zu klären, müssen wir etwas intensiver in die Begriffserläuterung einsteigen …

Ich kann es aber auch ganz kurz machen:

Orwesse bedeutet soviel wie „Essensreste, die man nicht auf dem Teller liegen lassen darf, weil die Schwiegermutter das Essen gekocht hat“. Norberto hat in seinem Leben jedenfalls noch nie Orwesse gemacht. Egal, wer gekocht hatte. Bei ihm ging das früher vielmehr nach dem Motto: „Mama, kannst du mir bitte ein Löffelchen reichen, damit ich den restlichen Kuchenteig noch auskratzen kann?

War immer alles sauber geleckt. Wie mit Katzenzungen. Brauchte man nix in den Geschirrspüler zu stecken.

Wo ich gerade eh am Beichten bin (heute ist ja Gründonnerstag und Ostern steht vor der Tür, da passt das sowieso ganz gut) und bevor ihr eigene Nachforschungen anstellt … Nachdem mir jemand bei meinen Yoga-Übungen den Spitznamen „Undehnbar“ verpasst hatte – meines Erachtens leider wohl völlig zu Recht –, habe ich auch meine Yoga-Versuche eingestellt. Komplett. Die letzte, ungewollt geschmeidige Übung war der „Trudelnde Hahn“, wie meine Frau sie nannte. Ich glaube, das war etwas spöttisch gemeint, da ich seinerzeit vom Essen mit meinen Kumpels vom Hähnchenclub bestens gelaunt (möglicherweise nicht nur wegen des Verzehrs von Hähnchenflügeln mich etwas schwebend fühlend) und ungewohnt dynamisch-schwunghaft durch die Haustüre angetanzt kam.

Bekam an dem Abend jedenfalls voll mein Fett weg. Leider an der falschen Stelle.

Und ja – um in einem weiteren Bereich Nachfragen vorzubeugen: Wenn das so erfolglos weiter vonstatten geht, das mit dem Russisch lernen, dann muss ich diese Darbietungen wohl oder übel ebenfalls im Sande verlaufen lassen. Alle zwei Tage habe ich den Eindruck, einige kyrillierte Buchstaben das erste Mal gesehen zu haben. Alles kommt mir Spanisch vor. Das Schlimme: Weil ich meine Frau mit dem ganzen Russisch lernen so genervt habe, ist sie im Moment schon viel weiter als ich. Und das, obwohl sie gar kein Russisch lernen müsste. Sie kennt jedenfalls inzwischen alle Buchstaben und kann sie richtig zuordnen, kann diverse Wörter richtig lesen und sogar ein paar Sätze fehlerfrei aufsagen. Wenn das so weiter geht, wird sie statt meinereiner mit meinen Kumpels nach Russland reisen müssen. Das wäre aber der Super-Gau für sie. Also für meine Kumpels. Und für meine Frau auch. Das kann ich ihnen – und ihr – beim besten Willen nicht antun.

Wie auch immer bei all den Geständnissen und all der Abnehmerei, ich behaupte: Ich brauch‘ meinen Bauch!

Mit einer Bikinifigur wär‘ ich in Russland ohnehin nicht weit gekommen.

 

 

 

 

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