Tag 19 – Gemeinsamkeiten vegetarischen Essens und langjähriger Ehen – und deren Unterschied

Tag 19 – Gemeinsamkeiten vegetarischen Essens und langjähriger Ehen – und deren Unterschied

Heute meinen ersten eigenen vegetarischen Kebap geordert. Telefonisch vorab bei unserem Freund Gürbiz.

Auch die anderen Jungs, also Michel, Norberto und Strogoff, gehen da gerne hin. Da die Türkei sich seit ein paar Jahren schon nicht mehr für ein wichtiges Turnier qualifizieren konnte (noch schlimmer als die Holländer), bieten wir ihm an, mal mit gemeinsam zu einem Spiel seiner Nationalmannschaft mitzukommen. Er zögert erst ein wenig und meint dann, ihm wäre es lieber, mal gemeinsam zu „seinem“ BVB ins Stadion zu gehen. Auch gut.

Zurück zur Bestellung: Er wollte sie jedenfalls einfach eigenmächtig umändern. In einen Riesen-Teller mit nur Fleisch und Käse überbacken, dazu Pommes mit Majo und zwei Fladenbrote. Musste mich mit Händen und Füßen dagegen wehren und drauf bestehen, dass ich heute ernsthaft mal was Vegetarisches essen möchte. Fühlte mich dann total wichtig. Er weiß eben genau, was ich sonst immer bei ihm esse. Und er kennt nicht nur meine Vorlieben, nein, er kennt alle Vorlieben seiner Kunden. Auch die jeweiligen persönlichen Abänderungswünsche gegenüber der eigentlichen Speisekarte. Er hat sie quasi in seinem Hirn auf seiner Festplatte gespeichert. Für mich unvorstellbar. Aber wehe, es kommt mal einer, der eine Umbestellung vornehmen möchte. Das geht gar nicht. Dann fragt er immer sofort, ob derjenige jetzt etwa plötzlich Bayern-Fan geworden sei. Die mag er nämlich gar nicht.

Aber als ich dann trotzdem weiter insistierte und darauf bestand, dass ich heute beim Vegetarischen bleibe. „Kleiner vegetarischer Kebap mit Schafskäse, so wie meine Kleine immer, dabei bleibe ich“, sage ich ihm. Da hat Gürbiz echt mal Ohren gemacht. Eigentlich sind seine Augen ja größer als seine Ohren – zumindest immer dann, wenn er mir beim Essen zusieht – aber heute schien das umgekehrt geworden zu sein.

Komme dann zurück vom Kebapladen. Meine Frau fragt mich: „Na, jetzt bist du bei ihm unten durch, stimmt’s?“

Stolz erkläre ich ihr, dass ich tatsächlich widerstanden habe, obwohl er mir im Laden noch diverse alternative Angebote machte. „Sogar Raki habe ich abgelehnt“, betone ich stolz. Trinke ich sonst ja auch nicht, aber das weiß meine Frau nicht. Fühlte mich jedenfalls schon das zweite Mal heute Abend total wichtig. Und irgendwie wieder jung. Zum ersten Mal in meinem Leben ein rein vegetarisches Gericht. Ob sich alle Vegetarier immer so gut fühlen? Ebbt bestimmt mit der Zeit ab, so wie das Verlangen in einer jahrzehntelangen Ehe. Hätte nicht gedacht, dass vegetarisches Essen und langjährige Ehen was gemeinsam haben. Na ja.

Wünsche mir für morgen wieder was Vegetarisches. Meine Frau hält das für gut. Das will schon was heißen. Und das Überraschende: Sie nimmt meine Äußerungen mal relativ gelassen entgegen. Sonst hat sie immer etwas auszusetzen, egal was ich mache, sage oder esse. „An Fleischmangelerscheinungen leidest Du sicher nicht, wenn man sich die letzten 50 Jahre betrachtet“, höre ich sie murmeln.

„Immer muss sie das letzte Wort haben“, denke ich und schließe den Blog für heute.

Da fällt mir ein, manchmal muss man sich das letzte Wort einfach nehmen, auch wenn es ein schriftliches ist. Meine Frau und ich, wir sind zwar schon seit mehr als 15 Jahren verheiratet, aber eintauschen möchte ich sie nicht.

Das sieht dann bei einem vegetarischen Kebap schon anders aus.

 

COMMENTS