Tag 29 – Ein vermeintlicher One-Night-Stand

Tag 29 – Ein vermeintlicher One-Night-Stand

Ein Strahler strahlt mich an. Seit wann tut er das? Warum tut er das? Strahlt erbarmungslos auf mich ein. Merke, dass ich mich liegend in einem Bett befinde, der Strahler genau auf mich gerichtet. Versuche, mich zu orientieren. An den Schalter des Strahlers komme ich nicht ran, der ist genau anderthalb Armlängen entfernt, also so weit weg, dass ich nicht rankomme, ohne aufstehen zu müssen. Versuche mich zu bewegen. Geht nicht. Mein Kopf explodiert bei jeder kleinsten Bewegung. Stelle fest, dass ich nicht in der Lage bin aufzustehen.

Schaue mich um.

Wo ist auf einmal die zweite Bettdecke meines Doppelbetts? Und überhaupt – wieso liegt meine Frau nicht neben mir wie sonst immer? Bin ich im falschen Bett? Hatte ich womöglich einen One-Night-Stand? Oh Gott! Ich hatte einen One-Night-Stand! Wo ist meine Bekanntschaft hin? Und vor allem: Wer um Himmels Willen war es? Mir schießen tausend Fragen durch meinen schwer angeschlagenen Kopf.

Versuche, die Augen etwas weiter aufzumachen. Mehr als Schlitze habe ich bis jetzt noch nicht hingekriegt. Lege die Stirn in Falten. Habe mal gelesen, das soll dabei helfen, die Augen aufzukriegen. Klappt nicht. Es bleibt bei Schlitzen. „Dann kann ich die Augen ja auch zulassen“, denke ich mir und bleibe noch eine Weile ohne irgendeine Regung liegen.

Schließlich rappele ich mich doch auf. Etwa 2 Stunden später. Der Strahler strahlt immer noch.

Wackele runter in die Küche. Treffe dort auf meine Frau. „Gott sei Dank, sie ist noch da“, überlege ich.

Meine Frau findet als erster ein Wort, sonst hat sie ja immer das letzte: „Was hattest Du heute Nacht mit dem Strahler vor, als Du heimkamst?“

Pffft. Muss das sein? Mit dieser Frage hätte ich jetzt nicht gerechnet.

Ich sehe, wie sich bei mir im Kopf Fragezeichen entwickeln, so in etwa wie Seifenblasen, und dann anfangen zu kreisen. „Keine Ahnung“, antworte ich achselzuckend, „ich dachte, das hätte was mit Dir zu tun.“

Merke direkt, dass ich das besser nicht gesagt hätte.

„Osvaldo, jetzt reiß Dich bitte mal am Riemen. Du bist heute Nacht um 2 Uhr heimgekommen, nachdem gestern Nachmittag um 15 Uhr ein Freund bei Dir aufschlug, ihr irgendwas von Christbäumen gefaselt und dabei mehrere brasilianische Biere in euch reingekippt habt, ehe ihr dann um 16 Uhr gut gelaunt das Haus verlassen hattet.“

Ich fühle, wie sich die Fragezeichen in meinem angeschlagenen Hirn langsam in Ausrufezeichen umwandeln. Immer noch sich im Kreise drehend. So langsam dämmert es mir. Halte mir die Hand an die Schläfe. Es brummt im Kopf.

Au Mann.

Die Bruchstücke der vergangenen Nacht setzen sich langsam, allerdings sehr langsam, zu einem Bild zusammen. War gestern unterwegs mit ein paar Kumpels und haben Christbäume gelobt. Seit dem vergangenen Jahr machen wir zwischen Weihnachten und Neujahr „Traditionelles Christbaumloben“. Ist schon eine echte Traditionsveranstaltung geworden, das Baumloben.

Ziehen dabei von Haus zu Haus, lassen uns die geschmückten Weihnachtsbäume zeigen und beginnen dann, deren Schönheit wortreich und theatralisch zu loben. Manchmal singen wir auch ein Weihnachtslied dazu. Das ist aber nicht immer so gewünscht, weil einige meinten, wir würden gar nicht singen. Das wäre eher ein durchgehend tiefes Brummen. Aber geschenkt.

Als Dank kriegen wir jedenfalls immer was zu trinken. An Ort und Stelle natürlich. Und die dargereichten Getränke dürfen wir dann nicht dankend ablehnen – was wir natürlich auch nie tun würden – nein, die müssen wir dann immer ohne Murren verschlumpsen. Eins nach dem andern.

Die jeweiligen Gastgeber schließen sich beim Verlassen des Hauses unserer Truppe an und loben beim Eintritt in die nächste Wohnung den Christbaum mit. So werden wir im Laufe des Abends immer mehr und mehr. Die Lober, die von Anfang an dabei sind, haben am Ende des Tages natürlich immer am meisten geleistet. Und mich trifft es jedes Mal von Anfang an.

Wieviele Häuser wir geschafft haben? So genau kann das wohl keiner mehr sagen: Die, die von Anfang an dabei waren, haben irgendwann den Überblick verloren, und die, die im Laufe der Route neu dazugestoßen sind, wissen es einfach nicht.

So erklärt sich dann heute jedenfalls wohl das Kreisen in meinem bis zum Bersten angespannten Kopf. Hat ordentliche Nachwirkungen, das getrunkene Zeugs. Mein lieber Schwan. Da war ein ganz schöner Swing drin, und das, obwohl wir angeblich gar nicht singen können.

Frage meine Frau schließlich noch, wieso sie und ihre Bettdecke auf einmal nicht mehr da gewesen waren. Hatte mir schon Sorgen gemacht, echte Sorgen.

„Osvaldo! Du hast heute Nacht so laut musiziert, ich dachte, der Norberto würde neben mir      liegen,“ werde ich vorwurfsvoll angesehen.

Oha. Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe ihr von Brasilien nicht viel erzählt, von damals, von 2014, eben nur, dass der Norberto seinerzeit mein Zimmergenosse war und ich meinte, er fliegt jede Nacht mit Überschall durchs Bett. So laut konnte der schnarchen.

„Und als du dann irgendwann anfingst, auch noch irgendwelche – als normaler Mensch             überhaupt nicht nachzuahmende – Glucksgeräusche zwischendurch einzubauen, da bin ich auf            die Couch ausgewandert.“

Au Mann. Das verstehe ich – falls es denn tatsächlich so sein sollte.

„Sag mal, ich bin bis eben davon ausgegangen, dass ich überhaupt nicht schnarche. Du hast jedenfalls noch nie sowas erwähnt, und jetzt kommst du so!“, versuche ich mich zu vergewissern, ob nicht doch ein Irrtum vorliegt.

Sehe, dass sie kurz stockt, dann in großem Bogen ausholt, um zu einer Antwort anzusetzen, sich es dann aber scheinbar doch wieder anders überlegt, um schließlich – nachdem sie eine Weile wie ein Igel in der Winterstarre so dastand – die ganze zuvor tief eingeatmete Luft gleichmäßig wieder rauszulassen. Sie wurde wieder kleiner und kleiner, auch ihre angespannten Schultern lösten sich auf einmal mit einem Ruck wieder und sackten nach unten, quasi in Ausgangsposition, in Normal-Null, ehe sie zu einem letzten Kopfschütteln ansetzte.

Diese Gestik und Mimik und Veränderung ihrer Körperhaltung kamen mir nur zu allzu bekannt vor. Ich hatte keinerlei weitere Nachfragen.

Warum die ganze Nacht der Strahler direkt in mein Gesicht schien?

Wird sich wohl nie mehr aufklären lassen.

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