Tag 54 – Kurswechsel

Tag 54 – Kurswechsel

Wundere mich schon tagelang, dass gar keine Mails mehr in meinem Postfach eingehen. Merke dann, dass ich mich quasi selbst auf die Ersatzbank verfrachtet hatte. Versehentlich. Soll mal einer alles heutzutage begreifen, diese ganze Technik. Nur weil ich bei einer Cloud nicht mehr mitmachen wollte, stellten die vom Internet plötzlich keine Nachrichten mehr durch. War quasi abgehängt und stand tagelang im Abseits. Nur hatte ich den Pfiff nicht gehört.

Egal. Fand dann den Fehler und machte bei der Cloud wieder mit. Und dann kam es: Mein Postfach sprudelte nur so über. Musste mich gleich mit drei eingegangenen Mails beschäftigen. Wow!

Und siehe da: Auch die, auf die ich lange gewartet hatte, war dabei. Dort heißt es:

„Hallo Osvaldo,

beil. das Bestellformular mit der Bitte, dies ausgefüllt an uns zurück zu senden. Ab Achtelfinale gibt es nur Karten bei deutscher Beteiligung.

Herzliche Grüße

L.“

Nun musste alles ganz schnell gehen. Sehe nämlich, dass Bewerbungsschluss bereits der 17. Januar war. Ob das noch was wird? Eieiei. „Die werden mich lynchen, wenn die mitbekommen, dass ich den Anmeldeschluss verpasst habe“, denke ich, als ich Lew, Michel und Norberto in unserer WhatsApp-Gruppe über den Maileingang informiere.

Michel antwortet sofort. Keine drei Sekunden später. Er ist und bleibt der Zuverlässigste von uns. Nicht umsonst ist er unser Capitano. Er weist außerdem darauf hin, dass wir uns mit dem Buchen von Hotelunterkünften beeilen müssten – die Preise für Sotschi und Kasan seien schon angezogen.

Trage dann alle Spiele, die wir sehen wollen (siehe Tag 39), und Personendaten in das Formular ein.

Michel fällt dann sofort auf, dass ich für Norberto das falsche Geburtsjahr eingetragen habe. Das hätte ins Auge gehen können. Mit Norberto kriegen wir voraussichtlich ohnehin noch Schwierigkeiten bei der Einreise und beim anschließenden Aufenthalt in Russland, ist er doch ein hoher aktiver Reserve-Offizier der Bundeswehr. Aber dazu später. Auf diesen Umstand hatte übrigens unser Mitfahrer bei der Brasilien-WM, unser Freund Herrmann, aufmerksam gemacht. Gut, dass er mitdenkt. Uns kann schließlich nicht alles gelingen.

Norberto und Lew melden sich überhaupt nicht auf die WhatsApp-Nachrichten. Norberto, weil er angeblich am „trainieren“ gewesen sei (Haha! Als wenn er nicht auch ohne Training gut genug Essen verdrücken könnte). „Nein, nein, wirklich, wir hatten AH-Training“, stammelt er, als ich ihn am Telefon erreiche.

Sowas, dass sich Norberto in der Fußball-Altersabteilung aktiv betätigt. Seltsam. Schätze, das könnte durchaus was damit zu tun haben, dass die immer ein astronomisches All-You-Can-Eat-Buffet bei der gemeinsamen Weihnachtsfeier aufbauen. Kann mir gut vorstellen, dass er sich für dieses Event sogar ein ganzes Jahr lang auf dem Sportplatz abmüht. Hut ab jedenfalls!

So, aber dann kommt’s, welche Kategorie wollen wir für die Tickets nehmen? Wir hatten vorher abgesprochen, dass wir immer die 1. Kategorie (von drei) buchen. Das sind die besten Plätze. Aber … die Preise! Das Finale (das wir nicht in unsere Planungen einkalkulieren) in der 1. Kategorie zum Beispiel würde bei der FIFA sage und schreibe über 1000 kosten. Nicht Rubel – Euro! In Rubel wären das … mal sehen … Kurs heute: 13,79 Euro. Das wär‘ machbar. Leider nicht realistisch. Na ja.

Auch die anderen Spiele für Tickets in der 1. Kategorie haben es in sich: Kein Spiel – selbst in der Vorrunde nicht – unter 200 Euro. Oha.

Das ist der Punkt, an dem unser Capitano das erste Mal eingreift: Nach kurzer, wirklich sehr kurzer, Beratung vermeldet er das Ergebnis: Wir nehmen ausschließlich Tickets für die 3. Kategorie. Das ist dann jeweils um die 50 % günstiger, aber immer noch teuer genug. Und vielleicht können wir uns dann im Stadion irgendwie auf bessere Plätze schmuggeln. Schon bei der WM in Brasilien haben wir gesehen, dass fast bei jedem Spiel Plätze frei waren. Na ja, ist aber nicht wichtig. Hauptsache irgendwie dabei sein.

Durch unseren klugen Schachzug des Kategorienwechsels haben wir jetzt natürlich jede Menge Geld gespart. Beschließen – ebenfalls in Rekordzeit –, davon in den Städten der Spielorte gut einen trinken zu gehen. Und für den Fall, dass wir überhaupt keine Tickets zugeteilt bekommen würden, wäre die Ersparnis sogar noch größer.

Nix ist eben so schlecht, dass es nicht noch für was gut sein könnte.

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