Werden Spiele bei der WM 2018 manipuliert?

Werden Spiele bei der WM 2018 manipuliert?Foto: Pixabay/janeb13 CC0 Creative Commons

Der Buchautor Declan Hill packt ein heißes Eisen an, wenn er den Akteuren Spielmanipulationen bei der Fußball-Weltmeisterschaft unterstellt. Hill rechnet auch bei der WM 2018 in Russland mit Begegnungen, die zugunsten der Wettmafia verschoben werden. Professioneller Glücksspieler geben ihm darin recht.

Sind Spielabsprachen bei einer Fußball-WM überhaupt möglich? Ja, sagen der Kanadier Declan Hill sowie der deutsche Profi-Wetter Dirk Paulsen unisono. Sie sind überzeugt davon, dass auch Spiele einer Weltmeisterschaft von der Wettmafia manipuliert werden. Üblicherweise seien davon besonders die Spielklassen aus Süd- und Osteuropa, Lateinamerika und Asien betroffen. Aber Russland sei laut Hill in den vergangenen Jahren in den Fokus gerückt. Bei der kommenden Fußball-WM werde dort jedes der 64 Spiele auf dem Wettmarkt durchschnittlich ein bis drei Milliarden US-Dollar bewegen, weiß er.

Um diese These zu untermauern führt Paulsen als Beispiel die WM 2006 in Deutschland an. Das Gruppenspiel Ukraine – Tunesien hinterließ nicht nur bei ihm einen faden Beigeschmack. Trotz einer schwachen Leistung entschied die Ukraine die Partie mit 1:0 für sich. „Der Schiedsrichter hat ein Tor von Tunesien und mindestens einen Elfmeter gegen die Ukraine nicht gegeben“, sagt der Glücksspieler und gibt damit dem Schiedsrichter die Rolle der zentralen Figur der Manipulation. Eine halbe Mannschaft zu bestechen, um ein Spiel zu verlieren, „das ist doch Schwachsinn“, sagt Paulsen.

Die Mathematik der Sportwetten

Beweisen kann Declan Hill, der bereits zwei Bücher zu dem Thema Manipulation im Fußball geschrieben hat, den Betrug sicherlich nicht. Er befasst sich jedoch wie Paulsen eingehend mit dem Kapitalfluss und den Quotierungen bei Fußball-Wetten im großen Stil. Paulsen, ein Profi der von Glücksspielen lebt, gibt ihm recht. Er selbst, so der Zocker, setzte bis zu seinem Karriereende 2008 rund 100.000 Euro jedes Wochenende auf fünf Dutzend Fußballspiele. Er kennt daher die Kursentwicklungen aus dem Effeff und hat auch gleich ein Beispiel zur Hand.

Bei derselben WM spielten Brasilien und Ghana im Achtelfinale gegeneinander. Natürlich war Brasilien der klare Favorit und gewann am Ende mit 3:0. Hier sind es die Bewegungen während des Spiels, die sowohl Paulsen als auch Hill stutzig machen. Die Quote auf einen Sieg des Favoriten mit zwei oder mehr Toren Unterschied lag bei 1,97, sagt er, dann sei sie plötzlich auf 1,83 gesunken. Der Kursverfall bedeutet, dass viel Geld auf einen klaren Sieg von Brasilien gewettet wurde. „Das ist schon eine mächtige Bewegung für ein WM-Spiel“, findet er. Als Zocker schätzt er, dass jemand einen unattraktiven Kurs in Kauf nahm, weil er wusste, dass er gewinnen würde.

Fruchtbarer Boden für Geldwäsche

Ein Beweis, dass hier manipuliert wurde ist dies sicherlich nicht. Paulsen habe, bei einem Kurs von 1,90, 13.000 Euro auf einen klaren Sieg für Brasilien gesetzt, gewonnen hat er am Ende 11.700 Euro. Theoretisch sei dies für ihn eine durchaus lukrative Investition um schmutziges Geld sauber zu waschen. Geldwäsche ist nämlich ein weiterer Zweig, der tief in den Sportwetten, besonders beim Fußball, Kricket und Basketball, verwurzelt ist. Ein Thema, mit dem sich Declan Hill ebenfalls auseinander setzt. Über hundert Milliarden Euro würden jährlich dadurch gereinigt, verweist er auf Studien der Pariser Universität Panthéon-Sorbonne.

„Der osteuropäische Fußball ist total versaut“, sagt ein Däne, der nicht weiter genannt werden will, ebenfalls Wettprofi von Beruf. Osteuropa sei ein Reizwort unter Kollegen. Die Erste ungarische Liga hätten die chinesischen Paten daher schon gar nicht mehr im Angebot. Rumänien, die Ukraine, Polen, Tschechien oder Bulgarien seien ohnehin vermintes Gebiet, wie er es formuliert. Wie in Russland Spiele verschoben wurden beschreibt Declan Hill in seinen Büchern. Seit ein asiatischer Strippenzieher 2013 in Singapur verhaftet wurde, kommen die Russen gut ins Geschäft, so der Autor.

Spielmanipulationen seien Teil des Sports seit den Olympischen Spielen in der Antike, erklärt Hill. „Was wir jedoch in den letzten 20 Jahren beobachten können, ist die Globalisierung von Sport und Korruption.“ Hunderte Milliarden Dollar würden durch die Sportwelt geistern und für noch höhere Umsätze im Wettmarkt sorgen, der darüber hinaus zu 80 Prozent illegal ist. „Zum Beispiel wird in Asien mittlerweile auf Fußballspiele aus der zweiten niederländischen Frauenliga gesetzt. Das ist etwas, was wir noch nie zuvor gesehen haben und es bedeutet eine existenzielle Gefahr für den Weltsport“, glaubt Hill und zieht deshalb eine Manipulation der Fußball-WM 2018 durchaus in Betracht.

Ein Geschäft in Milliardenhöhe

„Das größte Sportturnier der Welt wird manipuliert“, stellt er die Behauptung in den Raum. „Bei der WM 2018 werden Mannschaften antreten, die für ihren Auftritt nicht bezahlt werden“, das sei schon immer so gewesen, sagt er. „Diese Teams kommen zum größten Sportturnier der Welt, aber die Verbände geben keinen Cent der neun Millionen US-Dollar, die sie von der Fifa erhalten, an ihre Spieler weiter.“ Hill selbst habe erlebt, wie asiatische Mittelsmänner sowohl Spieler, als auch Offizielle bei der WM 2006 in ihren Klauen hatten.

„Ihr wisst, dass ihr gegen Brasilien, Argentinien oder Italien verlieren werdet. Warum wollt ihr nicht mit Geld in euren Taschen verlieren?“ So pragmatisch die Vorgehensweise ist, sie funktioniert. Bei der Größe des Marktes für Sportwetten steckten in jedem Spiel bis zu drei Milliarden US-Dollar. Für die FIFA, die bekanntermaßen genügend eigenen Dreck am Stecken kleben hat, ist dieses Thema ein großes Tabu, wie es scheint. Zwar gibt es Kontrollmechanismen des Weltverbandes, die seien laut den Wettprofis jedoch nur halbherzig, weil sich aus verschiedenen Gründen niemand so richtig dafür einsetze.

Der Zuschauer bekommt von dem ganzen, meist illegalen, Geschäft im Hintergrund ohnehin so gut wie nichts mit. „Insbesondere wenn die manipulierten Spiele ihren erwarteten Ausgang nehmen“, so Declan Hill. „Kleine Teams verlieren gegen Große“, damit ist das Thema vom Tisch und niemand denkt mehr darüber nach. Der Enthüllungsautor ist sich deshalb sicher, dass es mindestens ein bis zwei manipulierte Spiele auch bei der WM 2018 geben wird. Prognosen will Hill indes keine abgeben. Dafür ist er schon viel zu lange im Geschäft.

[mb/russland.NEWS]

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