WM-2018 – Russisches Abenteuer schlägt sportliches Unvermögen

WM-2018 – Russisches Abenteuer schlägt sportliches Unvermögen

Als ich vor ein paar Tagen gefragt wurde ob ich nicht Lust hätte was Kleines über die diesjährige WM und meine Eindrücke von Russland zu schreiben, habe ich lange überlegt wie ich das am besten anstelle. So bin ich nach langem hin und her zu dem Entschluss gekommen ich muss das aufteilen. In einen sportlichen Teil der bekanntlich ja nicht so toll war und einen sehr eindrucksvollen russischen Teil. Ganz trennen lässt sich das natürlich nicht.

Zuerst das Sportliche. Hier ist meine diesjährige Bilanz erschreckend schlecht. Noch nie habe ich so wenige Spiele bei einer WM gesehen, noch nie war ich im Vorfeld so schlecht informiert über die einzelnen Mannschaften. Auch war es das erste Mal, dass ich nicht die ganze WM zu unseren Gunsten im Voraus getippt habe. Was soll ich sagen, so mies vorbereitet bin ich noch nie in ein WM- Turnier gestartet! Wenn ich mich zurück erinnere, 1982 habe ich alle Spiele gesehen, 1990 alle bis auf die parallel laufenden Dritten in der Gruppenphase. Auch bei den Turnieren auf den anderen Kontinenten bin ich entweder früh auf oder bin spät ins Bett. Alles was machbar war wurde sich reingezogen.

Nur warum dieses Jahr nicht?  Diese Frage habe ich mir die letzten vier Wochen oft gestellt. Ein Grund bestimmt eine gewisse Übersättigung zu viel Fußball in den Wochen vor der WM, oft mit einem nicht so guten Ausgang für die Mannschaften mit denen ich mich verbunden fühle. Natürlich auch diese endlos scheinenden Diskussionen rund um unsere Nationalmannschaft. Neuer ja, Neuer nein. Dann die beiden die den Präsidenten verwechselt haben. Die Niederlage gegen Österreich der knappe Sieg gegen die Saudis. Natürlich auch das passende Gerede dazu, durch die beiden Schönlinge der Nation den Jogi und den Bierhoff. „Alles ist gut, wir sind im flow, keine Panik, Turniermannschaft und und und“.  Die üblichen Phrasen halt. Zu dem Zeitpunkt war jedem, der ein bisschen Fußballverstand besitzt aber schon klar, der Ball ist lange nicht mehr so rund wie er sein sollte.

Dies wurde bei dem Turnier leider mehr als bestätigt. Nach dem Spiel gegen Mexiko, das wir noch zu Hause geschaut haben, waren wir noch der Meinung entweder wird Mexiko Weltmeister oder wir sind verdammt schlecht. Bis auf das Tor von Toni Kroos gibt es nichts Erwähnenswertes zu den beiden restlichen Spielen. Der Mannschaft hat die Seele gefehlt, sie hat keinen Charakter gezeigt. In brenzlichen Situationen hatten wir keine Idee, haben sie den Hebel zum Umlegen einfach nicht gefunden.

Uns haben die Typen gefehlt, die Spieler die mehr im Hintergrund agieren, sich aber zu 120 Prozent einbringen. Die auch dann noch laufen, wenn es schon verdammt weh tut. Bei großen Erfolgen hatten wir diese immer mit an Bord. Typen wie Horst Eckel, „Terrier“ Hans-Hubers Vogts, „Diego“ Guido Buchwald, „Iron“ Dieter Eilz, „Walz“ Hans- Peter Briegel, „Fußballgott“ Bastian Schweinsteiger, um einige davon zu nennen.

Wenn man im Vorfeld der WM die Interviews der Spieler verfolgt hat, hatte man den Eindruck, die Spieler wurden vom Bierhoff solange durch die Mangel der DFB- Medienschule gedreht, bis sie alle das gleiche sagen. Egal was sie gefragt wurden und ihr eigenes ich nicht mehr vorhanden war. Aber Hauptsache als Galionsfiguren der Werbeindustrie haben Sie eine supertolle Figur abgegeben. Nach dem Ausscheiden hat der ein oder andere auch mal Klartext geredet. Das macht Hoffnung. Wollen wir mal abwarten ob es der Jogi schafft den Dampfer wieder flott zu machen. Die Luft ist dünn geworden um ihn, aber wie immer  im Leben hat jeder eine zweite Chance verdient. Schauen wir mal.

Mein Fazit zum Sportlichen: Ich war beschissen vorbereitet und die Deutschen hatten schon ein Spiel verloren, bevor wir aufgebrochen sind in das ehemalige Zarenreich.

Im Gegensatz zu dem Sportlichen hatte ich mich auf die eigentliche Reise recht gut vorbereitet. Da das Land ja riesig ist und und die Stadien weit auseinander liegen war uns bewusst, hier müssen wir alle Möglichkeiten der Fortbewegung nutzen. Tupolew, transsibi(e)rische Eisenbahn, Wolgadampfer, Lada „Niva“ und zur Not auch zu Fuß wie einst Clemens Forell. Das sollte eine Herausforderung werden.

Ein weiterer Aspekt kam hinzu. Die Angst! Die uns die Miesepeter im Vorfeld unserer Reise nach Russland in den Rucksack packen wollten. So wie wir drauf seien, wird unsere Reise nicht im Luzhniki Stadion in Moskau enden, sondern im Gulag irgendwo hinter dem Ural in Sibirien. Mit den Russen ist nicht zu spaßen, „euren Humor mögen und verstehen die überhaupt nicht“. „Ihr seid schneller weggesperrt, als ihr schauen könnt und dass der Putin kein großer Diplomat ist, ist ja hinlänglich bekannt.“ Vielleicht hätten wir ja Glück wegen der WM und so, denn normal macht der Vladimir keine Gefangene. „Putin sitzt an allen Hebeln, der KGB hat euch auf der Liste.“ „Die UdSSR wird sowieso Weltmeister, da braucht ihr gar nicht erst hin.“ Zum Schluss kam dann noch der kongeniale Hinweis: „vergesst die Gasmasken nicht, denkt an London.“

Toll das macht Mut! Wir sind trotzdem gefahren, nicht mit Gasmaske und auch nicht mit Angst im Gepäck. Lediglich mit Respekt vor der Sprache und den Russen im Allgemeinen. Im Vorfeld haben wir Russenkenner gefragt, auf was wir achten müssen. „Grüßt keine Russen und auf keinen Fall lächelt auf der Straße einen an. Das kann böse enden. Der Russe schaut im normalen Leben so böse und kalt drein, dass man meinen könnte, er hat seine Seele wohl beim Väterchen Frost im kalten Sibirien gelassen. Am besten ihr geht ihnen aus dem Weg und steigt nie bei einem fremden Russen ins Auto ein, diese Fahrt endet, wie sollte es anders sein, hinter dem Ural in einem Gulag.“ So war der Gulag als Ziel unserer Reise vorprogrammiert. Die Frage war nur wie kommen wir dahin? Mit dem KGB oder mit einem fremden Russen.

Soweit die Theorie!

Wir waren noch keine Stunde in Sotchi, da haben wir die ersten Russen angesprochen kurz danach mit ihnen getanzt, mit ihnen angestoßen, haben Geschenke in Form von Tee übereicht bekommen, haben gefühlt 100 Bilder mit ihnen gemacht. Gefeiert, gesungen, getrommelt und gelacht. Und dies alles obwohl wir gegenseitig kein Wort verstanden.

Als wir dann am zweiten Tag zu fremden Russen ins Auto eingestiegen sind, durften wir auch ihre Lebensart kennen lernen. Wir wurden eingeladen zu Trockenfisch, Käse und Bier in Literflaschen und wer Lust hatte, konnte sich auch noch auspeitschen lassen. Auch eine interessante Erfahrung die ich nicht mehr missen möchte.  Diese Erlebnisse waren der Anfang einer 14-tägigen Gastfreundlichkeit, einer Hilfsbereitschaft, einer Herzlichkeit, wie wir sie so noch nicht kannten und sie hierzulande allzu oft vermisst wird.

Auch wenn die Russen oft böse dreinschauen, besitzen sie ein sehr großes Herz und wie der Volksmund dort sagt, wer es öffnet, kann sich auf eine lebenslange Druschba (Freundschaft) freuen.

Ich denke die Freude war nicht nur auf unserer Seite, sondern auch haben sich Russen gefreut, dass die Welt bei ihnen zu Gast war. So hatten sie auch die Möglichkeit, ihr Russland auch mal so zu zeigen, wie es ist und nicht wie außen dargestellt wird. Egal mit welchen Fans wir wo gesprochen haben, ob in Sotschi, in Kazan, in Tarussa, in Moskau, in St. Petersburg oder in Wolgograd, alle meinten nur, eine tolle WM, alles sehr gut organisiert. Die Menschen so herzlich und das Land sehr beeindruckend.

Natürlich muss man im Gegenzug auch sagen, dass die Russen begeistert waren von den Fans aus aller Welt, von ihrem friedlichen Auftreten, ihren Faneigenarten die überall mit großem Staunen und mit viel Befall bewundert wurden. Besonders sind hier die Fans aus Südamerika zu nennen. Wenn um kurz vor Mitternacht 5.000 Peruaner singend durch Sotschi ziehen, dass man meinen könnte sie sind gerade Weltmeister geworden und man spürt wie die Begeisterung übergreift und alle erfasst. Sowas hatte es dort noch nicht gegeben. Die Fans verbreiten ein Feuerwerk der Glückseligkeit, wohlwissend, dass Peru schon raus war und gegen Australien nur noch um die goldene Ananas in Gruppe spielte.

Eine täglich steigende Begeisterung haben wir auch gespürt als die Russen ihre Liebe und Begeisterung für ihre Mannschaft entdeckt haben.

Etwas erschrocken waren wir in diesem Zusammenhang von den so genannten EventHoppern, in erster Linie Chinesen. In Kasan zum Spiel gegen Südkorea waren mehr Chinesen mit deutschen Trikots im Stadion als Deutsche. Dies war etwas surreal. Sie kommen, machen tausende Bilder, haben mit Fußball nix am Hut und lassen sich von den Fußballfans unterhalten, natürlich in sicherem Abstand zu den Geschehnissen, früher hatte man diesen Menschenschlag als Schlachtenbummler bezeichnet. Schon ein recht doofes Gefühl, deine Mannschaft soeben aus dem Turnier ausgeschieden, du gehst mit hängendem Kopf aus dem Stadion und neben dir gehen zehn Chinesen grinsend in deutschen Trikots an dir vorbei. Keinerlei Mitgefühl haben diese Burschen. Ich hoffe in vier Jahren hoppen sie auf einem anderen Event und überlassen den Fußball wieder den Fußballverrückten.

Die WM hat Russland und den Menschen gut getan, auch sie haben ihr Sommermärchen erlebt. Vielleicht werden sie es anders nennen: „Die Zeit als Bridersche Fußball zu Besuch kam“.

Natürlich wollen wir nicht alles schön reden. Es gibt in Russland auch Armut, viele Menschen leben in einfachen Verhältnissen am Existenzminimum. Aber es ist schon viel besser geworden die letzten 10 Jahre, die Infrastruktur hat sich verbessert, auch die Versorgung mit Lebensmitteln. Man arrangiert sich damit, passt sich an und weiß sich zu helfen. Es gibt Mittel und Wege nach dem Motto: „Russland ist groß und Moskau weit weg“.

Eins möchte ich noch zum Abschluss erwähnen: Egal mit welcher Gesellschaftsschicht wir uns bewegt haben, uns wurde nie Missgunst, Neid oder Fremdenhass entgegengebracht. Überall wurde uns Respekt entgegengebracht. Das Wort Gastfreundschaft wird großgeschrieben und gehört zur Lebenskultur der Russen. Wir durften es erfahren und möchten dafür Danke sagen.

„Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen, es ist nicht mit einer Elle zu messen, es hat etwas Eigenes, an Russland muss man einfach glauben.“

Fjodor Tijutschew 1866

[Capitanowitch Oleg/WM-2018.RU]

 

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