WM-Blog – Fahrn fahrn fahrn auf der Transsibbahn

WM-Blog – Fahrn fahrn fahrn auf der Transsibbahn

Pünktlich um 20 Uhr Ortszeit startet der Trans Sibirien Express von Kasan nach Moskau. Morgen früh um 7.10 Uhr sollen wir ankommen.
Erster Eindruck beim Einsteigen: Mann, ist das heiß. Die Luft steht im Zug, gefühlt (und wohl auch tatsächlich) an die 40 Grad, der Schweiß tropft, alle sind durchgeschwitzt.
Meine drei Raucher bekommen schon gleich zu Beginn Entzugserscheinungen – Zigaretten während der gesamten Fahrt verboten. Vielleicht kommt da der Begriff her: Lew, Oleg und Norberto kriegen Erscheinungen, wenn der Zug nicht bald an sein Ende kommt.
Auf Nachfrage, wo man denn rauchen könne, bekamen sie nur entsetzt aufgerissene Augen als Antwort. „Wait till Moscow“, ließ die energische Servicekraft der First Class keinen Zweifel aufkommen.
Lew und Norberto überlegen, sich zwischen die Waggons ins Halb-Freie zu stellen. Darf nur niemand vorbeischauen.
Seit 28 Minuten im Trans Sibirien Express – Oleg schon total relaxed
Einrichtung des Abteils:
Oleg und ich haben eine Kabine, und Norberto und Lew haben eine. Es fehlt an nichts. Zu Beginn stehen bereits Mineralwasser, Obst (das erste seit der Ankunft in Russland, aber nicht schlimm), zwei Brötchen und Schoklolade auf dem Tisch.Man kann alles Mögliche herunterklappen, hochklappen, ausklappen. Überall steckt etwas drin.
Bett kann man runterklappen, ist sogar bereits gemacht. TV oben über der Tür, die, wenn man sie schließt, sich zu einem Riesen-Spiegel verwandelt. Macht den Raum um das Doppelte größer. Kopfhörer, russische Zeitungen (hab auch endlich mal Zeit, meine Russische-Künste auszubauen und endlich mal die Buchstaben zu lernen). Auch eine Art Toilettenbeutel ist dabei: ein Paar Hausschuhe, eine Zahnbürste und russische Zahnpasta (werden wir morgen früh testen!), ein Kamm (Oleg: „Die haben genau gesehen, dass du es nötig hast, Osvaldo!“), Seife (gut, dass er dazu nichts gesagt hat, er ist ein echter Kamerad, denn wenn man einen ganzen Tag lang durch diese subtropische Hitze rumhechelt, dünstet man aus wie ein Wiesel in der Wüste.
Nach etwa 90 Minuten Fahrt wirkt auch die Klimaanlage. Mittlerweile ist es angenehm kühl. Nach weiteren 30 Minuten haben wir das Gefühl, bereits kurz vor Sibirien zu sein.
Wir wollten die Anlage ausschalten, fanden aber keinen Schalter dafür. Oleg wollte dann den Service rufen, hätte aber um ein Haar den Service-Ruf-Knopf mit der Notbremse verwechselt. Spätestens dann, nämlich wenn der Zug hält, wäre es auch wieder wärmer geworden. So teilte uns die resolute Dame mit, dass die Klimaanlage zentral geschaltet werden würde. Also weiter Sibirien. Egal.
Gegessen haben wir mittlerweile auch schon, etwas typisch Russisches: „Beef Stroganoff with mashed potatoes“ – Rindfleisch mit Pürree. Wunderbar!
Bei der Bier-Bestellung (es ist bloß alkoholfreies Bier in der Speisekarte aufgelistet) gibt uns die nunmehr freundlich wirkende Dame noch einen wertvollen Tipp: Wir sollten die Tür verschließen und ein bestimmtes Licht einschalten, dann würden uns die Polizisten in Ruhe lassen. Ansonsten würden sie in jedes Abteil reinspitzen. Und das hätte Folgen: Bier trinken, also mit Alkohol, ist nämlich im Abteil verboten. Wir bekamen‘s trotzdem. Und gaben ein ordentliches Trinkgeld.
Dabei fällt uns auf: Das 10-Kopeken-Stück ähnelt ungemein dem früheren Groschen:
Bei der „Pepsi“-Bestellung zu Beginn ist offensichtlich etwas schief gelaufen: Wir bekamen eine Coca Cola …
Jetzt fahren wir schon etwa zweieinhalb Stunden, und Oleg überlegt, ob er nicht mal die gesamte TransSib-Strecke machen sollte, also sechs Tage am Stück.
Zwischendurch klopft es mal heftig an der Tür, die wir wie empfohlen verschlossen halten. Aber es ist bloß Norberto, dem die gleiche Empfehlung gegeben worden ist und der einfach mal einen Spaß machen wollte. Haha!
Oleg und ich gähnen mittlerweile um die Wette, sechs bzw. zwölf Tage Russland hinterlassen Spuren.
Bei der Arbeit im Trans Sibirien Express
Ein Vollmond begleitet uns während den ersten Stunden der Fahrt – wie ein fürsorglicher Vater, der gut auf seine Kinder aufpasst.
Gegen Mitternacht lege ich mich hin.
Um 2.30 Uhr rappelt der Wecker. Will mitbekommen, wie die Morgendämmerung eintritt. War zwischendurch tatsächlich ein paar Mal eingeschlafen – aber auch wieder wach geworden, nämlich dann, wenn sich zwei Züge auf freier Strecke begegneten ((innerhalb von Ortschaften reduziert der Trans Sibirien Express seine Geschwindigkeit). Es knallt dann nämlich zu Beginn immer ziemlich heftig. Irgendwie kein Gefühl. Aber unser treuer Begleiter, der Mond, gibt ja auf uns acht.
Zehn Minuten später dämmert es tatsächlich. Vorbei an großen Wäldern rollt und rollt und rollt der Trans Sibirien Express weiter.
Ich bin müde, lege mich wieder zum Schlafen und stelle den Wecker erneut, dieses Mal auf 5.30 Uhr.
Video Dämmerung
2.52 Uhr: Irgendwie bekomme ich das Gefühl, mein ganzes Leben an mir vorbeiziehen zu sehen, wenn ich die wechselnden Bilder aus dem fahrenden Trans Sibirien Express sehe. Dazu tragen auch die sich wiederholenden Bilder von durchhängenden, sich erst senkenden und dann wieder erhebenden Stromleitungen bei, die mich an Heimfahrten des Abends von Besuchen bei meiner Patentante erinnern, als ich auf dem Rücksitz des Autos liegend die sich wiederkehrenden Lichter still beobachtete, aber doch versuchte, irgendwie einzuschlafen.
An Schlaf ist nicht zu denken. Es ist mittlerweile 3.27 Uhr. Zu faszinierend wechseln sich bei taghellem Licht die Bilder aus dem Fenster ab.
Alle paar Minuten ertönt ein Zugsignal, das sich durch den verzerrten Schall wie ein Schrei anhört. Jedes Mal zucke ich etwas zusammen, wenn sich dann die nicht enden wollenden Züge mit ihren Loks begegnen.

Nach einer kurzen Nacht und einer ebensolchen Katzenwäsche lacht uns die Sonne schon entgegen. 6.13 Uhr, es geht auf Moskau zu. Oleg nimmt es gelassen und genießt erstmal noch seine Liege („Noch bis halb!“).

Jetzt mal sehen, wo es Kaffee hergibt. Auf dem Flur treffe ich die mittlerweile immer freundlichere Dame an, die dann einen starken Americano serviert. Mmmh, wie der schmeckt! Oleg und Lew sind derweil auch schon munter geworden. Nur Norberto ratzt noch tief und fest. Diesen Anblick kenne ich ja …
Gleich Ankunft am Kasaner Bahnhof in Moskau. Dann sehen, wo wir diese Elektritschka finden, die uns zu unserem Freund Guntar bringen soll, 140 KIlometer südlich von Moskau. Er hat uns schon viele hilfreiche Tipps für unseren Trip geben können, und nun freuen wir uns sehr darauf, ihn auch einmal persönlich kennenzulernen!
Schon eine halbe Stunde vor Moskau haben wir LTE-Netz. Die Breitband-Versorgung in Russland ist mit Sicherheit besser als in Deutschland.
So, ab in den Tag!

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