WM-Blog – Was bleibt von Kasan? Sicher nicht die Schmach von Kasan

WM-Blog – Was bleibt von Kasan? Sicher nicht die Schmach von Kasan

Sondern es sind die Begebenheiten, die Treffen mit den Menschen im Siedepunkt zwischen Okzident und Orient.

Wir wohnten in einer modernen Plattenbausiedlung, Zugang über einen großen Innenhof. Bei unserem Auszug aus der Wohnung trafen wir zufällig wieder auf die Kinder, die uns herzlich begrüßen und uns lachend zuwinkten. Alles, was wir noch an Fan-Artikeln zur Verfügung hatten, überreichten wir ihnen. Freudestrahlend nahmen sie sie entgegen.

Zuvor bereits kam eine Mutter auf mich zugerannt und wollte ein Foto machen. Ihrer kleinen Tochter hatte ich gestern Ohrringe in den Deutschland-Farben überreicht.

In diesen Siedlungen ist es wohl ähnlich wie in Deutschland: Im Innenhof spielen und toben die Kinder. Manche Menschen sind aufgeschlossen, andere eher skeptisch gegenüber uns Fremden. In den meisten Fällen aber kam ein freundliches Lächeln zurück, wenn wir sie mit einem freundlichen „Straßtwietsche“ grüßten.

Direkt um die Ecke war ein sehr gutes Burger-Restaurant. auch die Steaks waren hervorragend. An der Theke konnte man sich seine Fleischstücke selbst aussuchen, die dann vor deinen Augen gebrutzelt wurden.

Am letzten Morgen wurden wir dort schon per Handschlag begrüßt, von Anton, der uns jetzt auch ein Taxi ruft. Wir wollen unser Gepäck am Bahnhof unterbringen und dann noch einmal ein paar Dinge in der Stadt besichtigen.

Norbert hat dort vor, einmal durch die Wolga zu schwimmen.

Kasan, eine beeindruckende Stadt!

Hier her wären wir ohne die WM niemals gekommen. So aber hatten wir Glück, eine wirklich beeindruckende Stadt am Ufer der Wolga erleben zu dürfen. Viele tolle Gebäude. Man spürt regelrecht den Übergang vom Okzident zum Orient, diese Region in Tatarstan, in der seit vielen Jahrhunderten Menschen unterschiedlicher Kultur und Glaubensrichtungen friedlich miteinander leben.
Typische Beschilderung in Kasan. Alles in kyrillischen Buchstaben. Lediglich die Informations-Punkte und die Wegweiser zum Fanfest sind anders ausgeschildert.
„Heiß wie Frittenfett“ waren hier außer Michel allerdings höchstens noch die Temperaturen in der Stadt. Das deutsche Team war dagegen wie schlabberiges Lachsöl.
Wir müssen anfangen, wieder ehrlich und leidenschaftlich Fußball zu spielen. Der gesamte DFB muss sich selbst infrage stellen. Schönrederei (keine klare Kante), Selbstbeweihräucherung und die Selbstbeschwichtigungen im Vorfeld müssen aufhören. Zum Beispiel, wenn man gegen Österreich verliert und gegen Saudi-Arabien nur knapp gewinnt, dann müssten eigentlich in der Otto-Fleck-Schneise die Alarmglocken bereits vor der WM kräftig klingeln.
Man darf auch Fehler machen. Nur wer wagt, gewinnt. Aber so wie die deutsche Mannschaft spielte, ängstlich und zögerlich und ohne Mumm, das erinnert mich irgendwie an die in Deutschland mittlerweile vorherrschende political correctness. Alles muss korrekt sein, ja keinen Fehler machen. Wir brauchen wieder Typen – und keine durch die DFB-Medien-Schule weichgespülten, einparfümierten und kein-Strähnchen-schiefliegende Bübchen. Ausnahmen wenige, vor allem aber Mats Hummels.
Wir brauchen Typen wie Dieter Eilts („Iron Dieter“) und Ulli Borowka (Klartext-Ulli).
Neuer Trainer sollte unser Mann aus Blaubach-Dittelkkopf sein, unser Miró Klose.
Diverse Notizen
Ankunft Sotschi Flughafen: Im letzten Moment – bereits nach der Verabschiedung – bemerkt Lew, dass er sein Handy im Taxi liegen ließ. Gerade noch so schnappt er es sich mit einem langen Arm. Bereits zuvor fiel er durch seine Struddeligkeit negativ auf, als er beim Verlassen des Hotels sein Deutschland-Trikot im Schrank vergessen hatte. Oleg rettete es.
„Mit der vergangenen Nacht hat das nichts zu tun!“, meint Lew abwinkend. Wir anderen können uns ein Grinsen nicht verkneifen.
Horrorerlebnis nach dem Aufstehen in Sotschi: Die im Stadion getrunkenen Match-Becher – Special-Edition Germany vs. Sveden – waren weg! Es stellte sich heraus, dass sich die Reinigungskraft diese unter den Nagel gerissen hatte. Wir bekamen sie auf Nachfrage aber zurück. Es sollte die einzige Erinnerung an einen sportlichen Erfolg bleiben.
Beim Auschecken in Kasan ist es dieses Mal Oleg, der uns durch seine Struddeligkeit etwas Sorgen bereitet: Er vergaß sein Handy, Generalarzt Norberto bemerkte es im letzten Moment bei der Stubenabnahme.
Heute kam die erste Antwort auf das gestrige Video von Oleg („Heiß wie Frittenfett“). Ein namentlich nicht bekannter User twitterte zurück: „Lass mich deine Fritteuse sein“.  Wir vermuten, es handelt sich um eine Südkoreanerin, die unseren Oleg ins Herz geschlossen hat.
Auch Osvaldo wurde am Bahnhof Kasan erkannt, sogar ohne Trikot, ohne Hut und in Straßenklamotten: „Du bist doch der Osvaldo!“
Auffällig: Ganz viele asiatische Eventhopper in unterschiedlichen Fan-Trikots. Wir haben nicht den Eindruck, dass sie wissen, bei welcher Veranstaltung sie sich befinden. Heute Maradona, morgen Özil, übermorgen Hamilton, Vettel oder Tiger Woods. Beliebig austauschbar. Die vielen Chinesen trugen allesamt Deutschland-Shirts, warum nicht die von Südkorea? Wir gehen davon aus, dass sie auch das Trikot des kommenden Weltmeisters schon im Koffer haben.
Norberto bringt in der Mittagszeit in einem Restaurant in Kasan auf seine Weise zum Ausdruck, dass er Hunger hat: „We need meat!“ Der Ober verstand sofort.
Beim Einchecken in Kasan (Unterkunft im dritten Stock) spielte der Fahrstuhl nicht mehr mit: Von Anfangs sechs Personen mussten nacheinander drei wieder den Fahrstuhl verlassen, ehe er sich nach oben in Bewegung setzen konnte.
Wir gehen davon aus, dass unsere Unterkunft eigens für die Weltmeisterschaft geräumt wurde und danach wieder normal genutzt wird. So hatten wir die Gelegenheit, mal in die Lebensbedingungen einer russischen Familie reinzuschnuppern.
George, der deutsche Edelfan aus dem hohen Norden, der mittlerweile in Bayern an der österreichischen Grenze wohnt und seit 1994 regelmäßig zu Weltmeisterschaften fährt, ist mittlerweile schon wieder in München gelandet.
Wir hatten uns in Moskau vor dem Spiel gegen Mexiko kennen gelernt und liefen uns seitdem regelmäßig über den Weg bzw. machten ausdrückliche Treffpunkte aus.
Es entstehen bei so einer Fußballweltmeisterschaft nicht nur Freundschaften mit Fans aus anderen Ländern, sondern auch Freundschaften mit Fans aus Deutschland.
Mit George habe ich verabredet, dass wir noch in diesem Jahr eine gemeinsame Wochenend-Hüttentour in Bayern unternehmen wollen. Darf nur meine Frau noch nichts davon erfahren.
Wir treffen viele weitere Fans aus Deutschland am Tag nach der Südkorea-Schlappe. Alle sind nach wie vor völlig entsetzt von der unterirdischen Leistung unseres Teams.
Das Schlimmste: in einigen Zeitungen wird jetzt nicht mehr von „Die Mannschaft“ gesprochen, sondern von „Die Truppe“. Das ist eine Beleidigung unserer Truppe, also der Truppe um Capitanowitsch Oleg, Lew Strogganoff, Norberto und dem Osvaldo! Wir überlegen, rechtliche Schritte dagegen einzuleiten. Hier wird der Zusammenhalt unseres Teams in den Dreck gezogen. Und  wir werden in ein vollkommen falsches Licht gerückt. Das geht so nicht! Bei uns ist der Zusammenhalt nach wie vor großartig und wir setzen unseren Trip wie geplant fort.
Über Russland lacht die Sonne, über „Die Mannschaft“ die ganze Welt!
Erkenntnisse des Tages
Oleg und Lew rennen schneller als Norberto, wenn sie Hunger haben – Norberto läuft dafür öfters …
An Spieltagen kommt man kaum zum Schreiben. Heute war ein sehr ruhiger Tag, ausgiebig gefrühstückt, etwas Kasan und die unglaublich breite Wolga besichtigt, das kälteste Bier getrunken, seit wir in Russland sind (wunderbar!). Warten auf die Abfahrt des Zuges und verbringen die Zeit bis dahin in einer kleinen Taverne mit Chips futtern und Spiel Senegal gegen Kolumbien anschauen.
Wir werden immer noch nicht ruhig über das Abschneiden der „Mannschaft“. DFB-Vizepräsident Koch kritisierte öffentlich nach dem Schweden-Spiel die deutschen Fans, die nicht so zahlreich wie Fans aus anderen Ländern nach Russland kämen.
Wie wäre es, der DFB würde sich selbst einmal an die Nase fassen. Schweden hat es auf dem Fanfest gezeigt: Die hatten einen eigenen Stand aufgebaut, an dem die Fans von Offiziellen ihres Verbandes betreut worden sind.
Der DFB überlässt die Fanbetreuung dem „Fan-Club der Nationalmannschaft“ – allesamt sehr rührige, engagierte Fans, die sich unglaublich reinhängen. Trotzdem hat man den Eindruck, die stehen irgendwie alleine und auf verlorenem Posten da. Keine Offiziellen des DFB weit und breit. Das läuft in anderen Verbäden anders.
Vor Ort: Nichts organisiert. Kein Fan-Marsch, keine Zusammentreffen, alles dem Zufall überlassen. Keine Informationen. Einige Fans sind ziemlich verärgert, als sie sehen, wie das in anderen Verbänden läuft.
Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn kaum deutsche Fans nach Russland kommen.
Die, die da waren, haben jedenfalls alles gegeben!
Um 20 Uhr geht es weiter nach Moskau mit der Transsibierischen Eisenbahn. Wir hätten auch einen Fan-Zug nehmen können, kostenlos sogar, aber das Erlebnis TransSib wollen wir uns natürlich nicht nehmen lassen. Außerdem wären 12 Stunden Schmähgesänge auch nicht auszuhalten gewesen.
Norberto geht dieses Mal auf Nummer sicher! Wer weiß, ob wir im Trans-Sibirien-Express etwas bekommen
Norberto sagt, er sei jetzt übrigens satt. Gott sei Dank.
In 20 Minuten Abfahrt mit dem Transsibirien-Express
Um 7 Uhr Ankunft, danach mit der Elektritschka nach Tarussa, zu unserem Freund Guntar. Wir freuen uns bereits sehr darauf! Es ist unter allen erdenklichen Gesichtspunkten positiv, nach so einem Spiel mal zwei Tage lang auf dem Land unterzutauchen, wo uns noch niemand kennt.

Doswidanje Kasan und Spassiba Bolschoi

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